Autoindustrie: Von der Vorzeigebranche zum Klumpenrisiko?

Die Autokonjunktur ist schwach. Das macht die deutsche Wirtschaft verletzlich. Die Autoindustrie hat ein großes Problem. Sie ist sehr stark auf PS-Stärke, Höchstgeschwindigkeit und Statusvermittlung fixiert. Neue Formen der Mobilität spielen dagegen weniger eine Rolle. Ein Beitrag von Handelsblatt Intelligence.

Die Autoindustrie ist eine Schlüsselindustrie in Deutschland. Rund fünf Prozent aller Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt von der Autoproduktion ab.

Die Produktivität ist hoch. Die gezahlten Löhne ebenfalls. Der Anteil an der Wertschöpfung und am Volkseinkommen liegt mit sieben bzw. acht Prozent sogar noch höher als der Anteil der Arbeitsplätze.

Die Politik schützt die Autoindustrie

Kaum eine andere Branche ist so eng mit den übrigen Wirtschaftssektoren verbunden. Eine echte Autokrise wäre daher eine Krise der gesamten deutschen Volkswirtschaft. Die deutsche Politik stellt sich daher stets schützend vor die deutschen Autobauer.

Nicht verhindern konnte die Bundesregierung allerdings ein neues Messverfahren zur Bestimmung der Abgasemissionen und des Benzinverbrauchs von Kraftfahrzeugen. Diesen WLTP-Standard hat die EU erlassen.

Zum 1. September 2018 erfolgte die Umstellung auf den neuen Emissions-Standard. Dies hinterließ ungeahnt tiefe Spuren in den Büchern der deutschen Autobauer.

So brach die inländische Produktion im dritten Quartal 2018 real um acht Prozent gegenüber dem Vorquartal ein. Das war so stark wie seit der globalen Rezession im Winter 2008/09 nicht mehr.

Für viele Modelle lag zu diesem Zeitpunkt keine WLTP-Zulassung vor. Daher mussten die Hersteller die Produktion stoppen. Für einige ältere Modelle wurde ganz auf die Zulassung verzichtet.

Zumindest die jungen urbanen Kunden interessieren sich vorrangig für individuelle Mobilität. Dazu gehören eher Fahrrädcer als teure Autos.
Staus, Parkplatzmangel, Strafzettel und Fahrverbote – das ist die Realität in Großstädten. Der Trend geht zu Carsharing, Sammeltaxis, selbst fahrenden Autos, E-Bikes und womöglich zu Elektro-Rollern.

Verspielt die Autoindustrie ihre Vormachtstellung?

Die aktuelle Schwäche der Autoindustrie ist nicht dramatisch. Schlimmer wäre es, wenn die deutschen Automobilhersteller ihre Vormachtstellung in der Welt dauerhaft verspielen würden. Noch ist es nicht so weit.

Doch es mehren sich die negativen Anzeichen. Die Gefahr: Aus der bisherigen Vorzeigebranche könnte ein Klumpenrisiko für die deutsche Volkswirtschaft werden. Dafür gibt es mehrere Gründe an.

Selbstverliebte Arroganz der Autovorstände

Die Branche hat ihre technologische Vormachtstellung verloren. In den 1980er Jahren gelang es den deutschen Autobauern, den Angriff aus Japan abzuwehren. Die überlegenen Produktionstechnologien von Toyota wurden haargenau kopiert und weiterentwickelt.

Doch technologische Innovationen aus Japan wurden lange ignoriert oder belächelt. Dazu zählen Hybrid-Antriebe im Toyota Prius oder der Mitsubishi i-MiEV als erstes Elektroauto in Großserie. Stattdessen wurden sehr hohe Entwicklungskapazitäten in Verbrennungsmotoren investiert, vor allem Dieselantriebe mit hoher Leistung.

Nirgendwo werden so viele Diesel nachgefragt

Nirgendwo auf der Welt werden so viele Dieselfahrzeuge nachgefragt wie in Deutschland. Denn kaum ein anderes Land fördert den Dieselantrieb mit solch einem massiven Steuerprivileg.

Im wichtigsten Autoland der Welt, in China, gibt es dagegen gar keine Diesel-PKW. Auch in anderen Ländern Europas und in Nordamerika sind Dieselautos eher Exoten. In Deutschland hingegen fährt immerhin jeder dritte zugelassene PKW mit diesem Treibstoff. Doch angesichts der drohenden Fahrverbote werden auch hierzulande Dieselfahrzeuge immer mehr zu Ladenhütern.

In den Zukunftsfeldern haben andere die Nase vorne

Der erste Prototyp eines selbst fahrenden Autos stammt von Google. Und Tesla ist an der Börse ungefähr so viel wert wie BMW. Und das, obwohl BMW etwa fünfmal so viel Umsatz macht und anders als Tesla hohe Gewinne einfährt.

Die Frage ist, ob es sich beim Stromantrieb nur um eine Übergangstechnologie bis zum Wasserstoffantrieb handelt. Das mag richtig sein. Das ändert an dem Befund aber nur wenig.

China fördert mit E-Auto-Quoten den Batterieantrieb massiv. Die Chinesen wollen so ihre Umweltprobleme in den Griff bekommen. Und sie könnten so bei dieser Zukunftstechnologie zum Frontrunner zu werden. Bahnt sich hier eine Entwicklung wie bei den einst in Deutschland entwickelten Solarzellen an?

Premiumhersteller wollen Prestige verkaufen

Zumindest die jungen urbanen Kunden interessieren sich vorrangig für individuelle Mobilität. Einen Mercedes, BMW, Audi oder Porsche kauft man sich in der Regel nicht, um halbwegs sicher von A-Dorf nach B-Stadt zu gelangen.

Die Werbung verspricht den Kunden individuelles „Fahrvergnügen“. Doch die Realität in den Großstädten ist von Staus, Parkplatzmangel, Strafzetteln und Fahrverboten geprägt. Daher ist es wenig verwunderlich, dass der Trend zu Carsharing, Sammeltaxis, selbst fahrenden Autos, E-Bikes und womöglich zu Elektro-Rollern geht.

Das Fahrzeug wird also auf ein in aller erster Linie der Mobilität dienendes Gerät reduziert. Damit dürfte die Strahlkraft der deutschen Premiumprodukte schwinden. Denn sie vermitteln vor allem Status, Individualität und Wohlstand.

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